DG - Die Kunst der Schwellenarbeit

Über Liminalität, Zeichen und das Ausharren im Dazwischen

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Zwischen Halt und Bewegung

Nicht jeder Stillstand ist ein Fehler – manche sind ein Aufenthaltsort.
Schwellenarbeit ist die Kunst, im Stillstand Form zu finden, ohne sich selbst zu verlieren.

Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass nichts weitergeht –
sondern darin, dass wir erwarten, dass es das muss.

Die Kunst der Schwellenarbeit

Es gibt eine Stunde, in der die Welt weder vergangen noch entschieden ist. Der Morgen trägt noch die Kälte der Nacht in sich, aber bereits das Versprechen von Licht. Diese frühe Schwelle besitzt eine eigentümliche Klarheit: Alles könnte neu beginnen – und doch bleibt ungewiss, ob dieses Beginnen trägt. Genau hier, in dieser schmalen Zone zwischen Dunkelheit und Aufbruch, setzt die Erfahrung der Schwelle an.

Schwellenzustände sind keine Ausnahmen, keine bloßen Krisenepisoden, die sich rasch überwinden ließen. Sie sind Phasen, in denen vertraute Narrative versagen. Wege, die einst Orientierung boten, verlieren ihre Richtung; Türen, die selbstverständlich offenstanden, scheinen verschlossen. Was bleibt, ist kein dramatischer Zusammenbruch, sondern ein stilles Gefühl des Stillstands – ein Ende ohne klaren Ausgang.

In solchen Momenten tritt häufig eine eigentümliche Tätigkeit in den Vordergrund: das Ordnen von Zeichen. Symbole werden gesammelt, Worte aneinandergereiht, Fragmente montiert. Diese Praxis ließe sich als Amplifikation bezeichnen – nicht im Sinne von Steigerung oder Wachstum, sondern als Verdichtung. Sie verleiht dem unaufhaltsamen Fluss der Zeit keinen Sinn, macht ihn jedoch bewohnbar. Schreiben, Sammeln, Montieren werden zu minimalen Gesten der Selbstvergewisserung: provisorische Architekturen gegen das Verstummen.

Doch diese Arbeit ist ambivalent. Ein symbolisches Universum kann sich verselbstständigen, losgelöst von gelebter Wirklichkeit und von Resonanz. Was als Schutz gedacht war, schlägt dann um in Eigensinn, Isolation, Einsamkeit. Die Zeichen sprechen nur noch zueinander, nicht mehr nach außen. Begleitet wird dieser Zustand oft von einem inneren Chor kritischer Stimmen: Selbstanklage, Selbstverurteilung, Selbstbestrafung. Sie kommentieren jede Bewegung, ohne einen Ausweg anzubieten.

Aus einer theoretischen Perspektive lässt sich dieser Zustand als Liminalität verstehen – jedoch nicht als bloßer Übergang, sondern als Aufenthaltsort. Walter Benjamin hätte hier von Fragmenten gesprochen: Bruchstücken einer Erfahrung, die sich nicht zu einem geschlossenen Ganzen fügen lassen. In Jungscher Lesart begegnet man dem Schatten, nicht um ihn zu überwinden, sondern um ihm eine Sprache zu geben. Die Schwelle wird damit zum Ort der Arbeit, nicht der Lösung.

Schwellenarbeit bedeutet, im Dazwischen auszuharren, ohne sich darin aufzulösen. Sie verzichtet auf das große Versprechen des Neubeginns und hält dennoch an der Möglichkeit von Form fest. Nicht Sinn steht im Zentrum, sondern Halt. Nicht das schnelle Weiter, sondern das bewusste Verweilen.

Für Menschen in Krisen- oder Übergangszuständen kann diese Perspektive entlastend sein. Sie erlaubt, das eigene Stocken nicht als persönliches Versagen zu deuten, sondern als eine Phase, die eine andere Art von Aufmerksamkeit verlangt. Die Schwelle ist kein Ziel – aber sie ist auch kein Fehler. Sie ist ein Raum, in dem Zeichen gesammelt werden, bis sie vielleicht wieder adressierbar werden. Und manchmal genügt genau das, um das Morgenlicht nicht nur zu sehen, sondern einen Schritt darin auszuhalten.

Welche Zeichen sammelst du, wenn dein eigenes Leben stillsteht?

Der Aufbruch: Vom Archiv zum Horizont

Die notwendigen Reisen

Schwellenarbeit endet dort, wo das Ordnen der Zeichen zum Selbstzweck wird. An diesem Punkt ist Bewegung keine Option mehr, sondern Notwendigkeit. Reisen bedeutet hier keinen Aufbruch ins Neue, sondern eine Rückbindung an die Wirklichkeit. Der Körper geht voraus, das Denken folgt. Sehen, Gehen, Warten, Frieren – das sind keine Metaphern, sondern Korrektive. Orte antworten anders als Texte. In der Begegnung mit Landschaften, Städten, Ruinen und Menschen werden innere Bilder geprüft, relativiert, manchmal verworfen. Der Stillstand wird nicht überwunden, sondern mitgenommen – und im Gehen neu verortet.

Ein Teil dieser Schwellenarbeit setzt sich daher nicht im Schreiben fort, sondern unterwegs. In filmischen Reisen und Erkundungen verlagert sich die Arbeit nach außen: Der Blick öffnet sich im Widerstand der Welt. Diese Bewegung lässt sich weiterverfolgen auf meinem YouTube-Kanal:

THE UNFOLDING PATH, wo Schwellenarbeit zur Wegarbeit wird.
youtube.com/@photovisionproject